 |  | Die weisse Einsamkeit. Mein langer Weg zum Nanga Parbat. |  |  | Schicksalsberg - Der lange Schatten des Nanga Parbat
"Der Nanga Parbat ist ein besonderer Berg. Wenigstens für mich. Von Anfang an. Auch weil ich mehr über ihn als über andere Berge gelesen habe! Über seine Rakhiotseite, die Diamirflanke, die Rupalwand. Über die vielen Versuche, die Erstbesteigung 1953, die tragische Diamir-Expedition 1962. Immer wieder Tragödien: 1895, 1934, 1937, 1962. 1970 dann unser erster Berg im Himalaja - der Nanga Parbat. Mein Bruder Günther und ich erreichen den Gipfel, manövrieren uns in eine Notlage, steigen in unbekanntes Gelände ab, verlieren uns aus den Augen, Günther bleibt verschollen. 1000 und mehr Bergtouren sind uns zusammen gelungen: gefährliche Wände, Erstbegehungen, Rückzüge. Günther ist mein Seilpartner, mein Vertrauter, mein Lieblings-Bruder gewesen. 1971 kehre ich an den Ort der Tragödie zurück. Mit der Frau, die ich liebe. Mit ihr besuche ich meine Retter und steige, von Alpträumen geplagt, zum Gletscher der Verzweiflung auf. Ich hoffe auf ein Wunder! Aber ich finde meinen Bruder nicht. Uschi hilft mir, die Schuld zu tragen, überlebt zu haben. Sie gibt mir Lebenslust, Sicherheit, bestärkt mich in meiner Leidenschaft fürs Bergsteigen. Wir reisen gemeinsam, richten uns in Südtirol ein, sind ein nomadisierendes Liebespaar. Auch neue Herausforderungen locken. Wieder und wieder gehe ich fort, auf Expedition, in die Todeszone. Die Sehnsucht ist groß, die Trennungen schmerzen. Es ist die Alternative "der Berg oder ich", die uns 1977 auseinanderreißt, es ist meine Besessenheit. Mit der Ahnung, in meinem Wahn zwischen Selbstverschwendung und Selbstvernichtung unsere Liebe zerstört zu haben, gehe ich 1978 wieder zum Nanga Parbat. Um den Achttausender allein zu besteigen. Im Biwak in der Wandmitte erschüttert ein Erdbeben die Steilwand. Millionen Tonnen Eis brechen von den Hängen, der Rückweg ist abgeschnitten. Entgegen jeder Vernunft steige ich weiter, erreiche den Gipfel, bin im Schneetreiben gezwungen, einen Schlechtwettereinbruch auszusitzen und erreiche zuletzt über eine riskante Abstiegsroute den Wandfuß. Das Leben ist gerettet, meine Autonomie hergestellt, die schwarze hat sich in eine weiße Einsamkeit verwandelt. Wie viel aber musste ich dafür aufgeben! Die Liebe für den Alleingang, meinen Bruder für die höchste Steilwand der Erde. Das Schuldgefühl, alleingeblieben zu sein, hält an. 30 Jahre später treibt es mich noch einmal zum Nanga Parbat. Zu meinem Schicksalsberg. Immer noch suche ich meinen Bruder. Wenn meist auch nur im Traum. Ein paar meiner Kameraden aber kommen mit meinem Noch-Dasein nicht zurecht! Dass ich im Gegensatz zu meinem Bruder am Leben geblieben bin, erscheint ihnen trotz meiner Schuldgefühle als unverdientes Glück. Ein Glück, für das ich mich immerzu entschuldigen soll."
Reinhold Messner: Die weisse Einsamkeit. Mein langer Weg zum Nanga Parbat. Malik, Juni 2003, 351 Seiten, € 22,90 ISBN 3-89029-252-6
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