 |  | Der nackte Berg. Nanga Parbat - Bruder, Tod und Einsamkeit |  |  | Der schwierigste Weg meines Lebens
Als Adolf Schlagintweit die Einheimischen nach dem Namen des großen Berges fragt, sagen sie: "Diámar" und "Nánga Parbat". Aus der Urdu-Sprache übersetzt, bedeuten diese Namen "König der Berge" und "Nackter Berg". Als der Geograph und Bergsteiger Richard Finsterwalder den Achttausender 1934, 78 Jahre später, genau vermessen und von allen Seiten studieren kann, nennt er ihn wie die meisten Alpinisten nur noch "Nanga". Finsterwalder, damals Professor in München, ist beeindruckt: "7000 m Höhenunterschied liegen zwischen dem eisstarrenden Nanga-Gipfel und dem Indus, der am Fuße des Nanga seine trüben Fluten tosend dahinwälzt. - Wohl wenige Stellen der Erde gibt es, wo sich die Natur dem Menschen so großartig und vielseitig zeigt und ihm so viel von ihren Geheimnissen und Wundern aufschließt." Und weiter: "Der Nanga Parbat ist stockwerkartig aufgebaut. Tiefe Täler und finstere Schluchten zersägen seinen gewaltigen Leib." Wie Alexander von Humboldt den Chimborazo beschrieben hat, prägen Schlagintweit, Finsterwalder und später Dyhrenfurth durch ihre Arbeiten das Bild vom Nanga Parbat. Mit ihren botanischen, geologischen und bergsteigerischen Informationen befriedigen und wecken sie die Neugierde gleichermaßen. Günther Oskar Dyhrenfurth glaubt, dass die Nanga-Parbat-Gruppe ein geschlossenes Gneis-Massiv ist, und macht sich ebenso Gedanken über mögliche Aufstiegswege wie Finsterwalder. Dieser schwärmt geradezu vom Berg als Anblick und Ziel. "Sein Gipfel ist bedeckt von glitzerndem Firn, eisüberströmt sind seine Grate und Flanken. Darunter kommt ein Gürtel von Almen und gewaltigen Wäldern, in die von oben her die Gletscher vorstoßen. Nach unten zu hören die Wälder plötzlich auf, die Vegetation wird ärmer. Es ist dort heiß und trocken, einzelne Ortschaften mit künstlicher Bewässerung finden wir da. Noch tiefer erstirbt alles Leben in der Hitze, und ganz unten, die letzten 1500 m zum Indus hin, ist furchtbare Wüste." Forschern wie Bergsteigern erscheint der Berg als ein geheimnisvolles Ziel. Abweisend und anziehend zugleich. Ein halbes Jahrhundert ist er für die Elite der deutschsprachigen Bergsteiger die größtmögliche Herausforderung. Er wird ihr Gral. "Wenn deutsche Bergsteiger ins ferne Asien ziehen, um diesen Gipfel zu erobern, wären es keine deutschen Bergsteiger, wenn es ihnen genügte, auf diesem Gipfel gestanden zu haben", suggerierte Finsterwalder. "Wenn sie nichts von den Wundern und Geheimnissen des Himalaja mit nach Hause brächten, wären alle Mühen und Gefahren auf dem Weg zum Bergsteiger-Gral also umsonst." (S. 17-19)
Günther ist unvergessen
Die Rupalwand am Nanga Parbat war 1970 genau nach unserem Geschmack: steil, hoch und weit weg. Als ein Journalist meinen jüngeren Bruder nach unserer Wand fragt, bekommt er zuerst keine Antwort. Günther schaut ihn nur an. Als ob er sich die Riesenwand nicht vorstellen könne. Diese Stille im Raum! Günthers Schweigen ist Teil seiner Antwort. Dann zeigt er ein Foto. "Sie ist sehr hoch." Nach der langen Pause und in die Stille hinein wirkt dieser eine Satz wie eine Explosion. Ja, es ist spürbar, der Berg auf dem Bild wächst ins Unendliche. Ein Berg wie im Vergrößerungsglas! Was wir dort wollen, fragt der Journalist. Günther schweigt wieder. Lange. Mein Bruder schaut den Fremden nun an. Erst im Weggehen, nach noch längerem Schweigen, sagt er ein paar Belanglosigkeiten. "nur weg hier, auf und davon, weit weg." Günther, mein jüngerer Bruder, ist tot, und doch ist er lebendig, wenn ich heute von ihm träume. (S. 37)
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