The Wall
Everest Solo - "Der gläserne Horizont"
Er erreichte 1978 mit Peter Habeler nicht nur den Gipfel, sie erreichten ihn erstmals ohne Verwendung von künstlichem Sauerstoff, was bis dato unter Höhenexperten für unmöglich gehalten wurde. Ein überwältigender Erfolg, den Messner mit einem zweiten Superlativ toppen wollte: Der ersten Solobesteigung des höchsten Bergs der Erde. Er mußte sich beeilen, denn der japanische Bergsteiger Naomi Uemura hatte gleiches im Sinn.

Am wenigsten problematisch ist der Aufstieg über den Nordgrat - doch der liegt auf der verbotenen chinesischen Seite. Aber im Winter 1979 gibt die chinesische Regierung den 8850 Meter hohen Mount Everest für ausländische Alpinisten frei. Wenige Monate später zieht Messner los. Es ist ein schlechter Zeitpunkt, denn es ist Monsunzeit. Messner muß warten, daß die Schneefälle und Winde sich legen, die sich in großer Höhe orkanartig austoben. Und er nutzt diese Zeit, akklimatisiert sich, gewöhnt sich an die Höhe und lädt seine Energiespeicher auf. "Härte, besonders Härte gegen sich selbst, kann man nicht von heute auf morgen erlernen. Konzentrierte Energie speichert sich nur in der langen Zeit des Wartens, des Hoffens. Erst wenn eine Idee zur Leidenschaft geworden ist, verselbständigt sie sich, sucht sie ein Ventil, egal um welchen Preis."

In der Todeszone

Messner bricht auf. Nena, seine Freundin, bleibt im Basislager zurück. Sie sieht nicht, wie er acht Meter tief in eine Gletscherspalte stürzt, aus der er sich nur mit Glück befreien kann, noch wie er sich durch nassen tiefen Schnee kämpft. Sie weiß nicht von seiner Erschöpfung und dass er in seinem letzten Biwak vor dem Gipfel nichts mehr trinkt, was bei dem massiven Flüssigkeitsverlust in der Höhe das Todesurteil bedeuten kann. Messner geht auf den Gipfel und im Geiste nimmt er jene mit, die vor ihm gegangen sind und scheiterten: Mallory sowie die Alleingeher Wilson, Larsen, Denman.

Als Messner zurückkehrt, ist er nicht mehr derselbe, wie Nena nach dem Wiedersehen feststellt und in ihrem Tagebuch schreibt: "Da ist er, der stärkste Mensch, den ich kenne, total am Ende, ausgelaugt bis in die Seele. (...) Er ist erfolgreich gewesen, hat sein Ziel erreicht, aber noch erfolgreicher war der Berg. Er hat seinen Preis von diesem Mann gefordert."

Sucht man eine Antwort auf die Frage nach dem WARUM, dringt man in eine Dimension jenseits des bergsteigerischen Ehrgeizes vor: "Nur ganz selten kann ich meine Getrenntheit von der Welt überwinden, kann ich mich eins mit dem Kosmos fühlen: beim Bergsteigen." Inmitten der tödlichen Gefahr findet Messner das Ziel, wonach wir alle suchen und das so fern wie der Everest bleibt: Heimat.